Entweder meint man, daß sich das
Einzelne aus dem Allgemeinen ableite, oder man denkt, das Allgemeine
leite sich vom Einzelnen her: dies macht die ganze Debatte über
den Nominalismus und den Universalismus aus. Natürlich ist jede
anti-egalitäre Weltanschauung grundsätzlich nominalistisch.
Sie stellt das Postulat auf, daß die Unterschiede zwischen den
Dingen, den Lebewesen und den Menschen nicht zu vereinheitlichen
sind, und daß man nur aufgrund bloßer Vereinbarung von
den Einzelbeobachtungen auf einen universellen Begriff, auf eine
allgemeine Kategorie schließen kann. Für den Nominalismus
gibt es keine »Existenz an sich«: jede Existenz ist eine
besondere, und selbst das »Sein« ist untrennbar von einem
»Da-sein« (im Sinne Heideggers). Es gibt auch keinen
allgemeinen »Menschen«, ebensowenig wie eine
»Menschheit«: es gibt nur Menschen im besonderen. Ebenso
wie der Begriff des Baumes nicht beißt, blüht auch nicht
die Vorstellung des Baumes. Diesem Nominalismus stehen alle
universalistischen Doktrinen entgegen und an erster Stelle der
Realismus (im philosophischen Sinne), der Rationalismus des Thomas
von Aquin, der Essentialismus bei Popper - d. h. jene Idee, nach der
jedem Begriff, den man ausdrücken, sich vorstellen oder benennen
kann, eine objektive Wirklichkeit entspricht, die ihre
Daseinsberechtigung aus einer »natürlichen« Ordnung
schöpft, aus einem Weltall, das einen sinnvollen Plan
widerspiegelt und mit dem Verstand zu erfassen ist, der allen
Menschen gleichermaßen innewohnt. Für den Nominalisten ist
die Unterschiedlichkeit die Grundtatsache dieser Welt; der
Universalist wird im Gegenteil hinter den einzelnen Gegebenheiten und
ihren Attributen die Essenz dessen suchen, was, soweit es die
Menschen angeht, sie alle vor Gott gleichstellt.
Dieser
Unterschied in der Auffassung des Allgemeinen und des Besonderen
spiegelt sich, nach dem Theologen Thorleif Borman, auch in dem
Unterschied zwischen biblischem und frühgriechischem Gedankengut
wider. Während das frühe Griechenland den Begriff des
Allgemeinen aus dem Besonderen ableitet, indem es systematisch
vergleicht und jedesmal abstrahiert, erklärt die biblische
Auffassung die Natur des Besonderen nach dem apriorischen
Verständnis
einer universellen Kategorie'. Die universalistische Denkart findet
sich später bei Plato wieder, dem die Zyniker eine klassische
nominalistische Kritik entgegenhalten: »Ich sehe zwar das
Pferd, aber eine »Pferdheit< sehe ich nicht«.
Im
Mittelalter kristallisiert sich die entgegengesetzte Einstellung von
Nominalismus und »Realismus« in dem berühmten
»Universalien-streit«. In diesem Ausdruck sind die
Grundkategorien der Logik zusammengefaßt, das heißt vor
allem die von Aristoteles definierten Gattungen und Arten. Für
Thomas von Aquin besitzen diese »Universalien« in. Gott
eine wirkliche Existenz, die den Objekten, auf welche sie sich
beziehen, vorausgeht und sie strukturiert. Es gibt danach ewige
Wahrheiten, wahr zu jeder Zeit und an jedem Ort, unabhängig
davon, ob man sie erfassen kann oder nicht. Für die Nominalisten
sind im Gegenteil die »Universalien« nichts weiter als
nicht erkennbare Dinge oder reine Illusionen. Schon im XI.
Jahrhundert versichert Roscelin von Compigne, die abstrakten Ideen
seien ein flatus vocis (ein »Hauch der Stimme«, leere
Worte). Im XIV. Jahrhundert schlägt mit dem Auftreten von
Wilhelm von Ockham (1300-1350) der Scholastik die Stunde, und es
beginnt die Befreiung des europäischen Geistes vom Joch des
Aristoteles und den heiligen Schriften. Wilhelm von Ockharn zeigt,
daß es der Wissenschaft unmöglich ist, von den
»Universalien« und den allgemeinen Begriffen ausgehend,
die er »Ausdrücke einer sekundären Absicht«
nennt, zu argumentieren, und er stellt dazu fest, daß sie
lediglich in einer weniger anschaulichen und weniger klaren Weise
dasselbe aussagen, was die »Ausdrücke unmittelbarer
Absicht«, die aus der Kenntnis der einzelnen Dinge stammen,
präziser bezeichnen. Es gibt, so sagt er, keine andere aktuelle
Existenz als diejenige der einzelnen Individuen. Von da an fällt
die Struktur fort, die die Scholastiker in den Wesen unterschieden
hatten (bei Thomas von Aquin der Unterschied zwischen der
»aktuellen
Existenz« und der »essentiellen Existenz« u. a.).
Hiermit wird auch die Unterscheidung zwischen Essenz und Existenz,
zwischen der Seele und ihren Fähigkeiten, zwischen der Substanz
und ihren zufälligen Erscheinungsformen, zwischen dem handelnden
und dem passiven Intellekt, zwischen der Möglichkeit
und der
Tat hinfällig. Gleichzeitig entfallen auch die klassischen
Beweise für die Existenz Gottes. Der Glaube ist Sache des
Glaubens und nicht mehr der Vernunft. Die Philosophie wird wieder
selbständig und ist nicht länger die Magd der Theologie.
Indem er zwei Klassen von Wahrheit einführte, hat der
Nominalismus den Fideismus begünstigt, »diese bloße
Anhängerschaft an Dogmen, die man unreflektiert glauben
mu߫2.
Aber in der Gegenwirkung hat er auch das von Bacon verkündete
Kriterium der modernen Wissenschaft ermöglicht: »Die
Überlegung beweist nichts, alles hängt vorn Experiment
ab.«
Die Nachfolgeschaft von Wilhelm von Ockham war im übrigen
äußerst verschiedenartig. Auf der einen Seite findet man
die heterodoxen großen Mystiker, die aus der Schöpfung die
Bedingung für den Schöpfer machen - und nicht umgekehrt -
und die in den Menschen Wesen sehen, die fähig sind, Gott
gleichzukommen, indem sie sein Werk fortsetzen. Meister Eckhart
erklärt: »Gott ist, weil ich bin.« Auf der anderen
Seite findet man die ganze Linie der Empiristen mit Bacon, Locke und
Stuart Mill, von denen sich herleitet, was man - zu Recht oder zu
Unrecht - den »wissenschaftlichen Nominalismus« nennt.
Letzterer entwickelte sich vor allem vorn XIX. Jahrhundert ab, als
die Entwicklung der Naturwissenschaften den Konventionalismus der
ewigen Scheinwahrheiten der Logik, der Physik und der Mathematik
feststellte. In der Neuzeit haben manche Thesen von Schlick, von
Wittgenstein oder von Russell einen ausgesprochen nominalistischen
Charakter. Aber man findet den Nominalismus auch in anderer Form in
sehr verschiedenen Geistesströmungen wieder: im modernen
Existentialismus (Heidegger, jünger, Rosset), im heroischen
Subjektivismus, im philosophischen Pessimismus, im Kulturrelativismus
usw.
Auch in der Politik kann man eine »nominalistische«
und eine »universalistische« Strömung erkennen, aber
diese Strömungen lassen sich mit keiner der traditionellen
politischen oder soziologischen Gruppen identifizieren. Vielmehr
ziehen sie sich durch alle diese »Familien( von der politischen
Rechten über die Mitte zur Linken und schaffen damit ebenso
erhebliche wie dauerhafte Mißverständnisse, doch
bis-weilen auch unerwartete Begegnungen und eigentümliche
Verwandtschaften zwischen »rechts« und »links«.
Joseph de Maistre nimmt einen typisch nominalistischen Standpunkt
ein, wenn er schreibt: »Es gibt in der Welt keinen Menschen als
solchen. Ich habe in meinem Leben Franzosen, Italiener, Russen u. a.
gesehen. Ich weiß sogar dank Montesquieu, daß man Perser
sein kann; aber was den Menschen anbetrifft, so erkläre ich, ihm
in meinem Leben niemals begegnet zu sein. Wenn er existiert, dann
ohne mein Wissen ...«3.
Im Gegensatz dazu ist die
universalistische Strömung in der Neuzeit im wesentlichen
einerseits durch die jüdisch-christliche Religion und zum
anderen durch den Aristotelismus und den Thomismus im Marxismus und
seinen Ablegern vertreten. In der Linie von Parmenides und
Aristoteles schließt sich Karl Marx in der Tat der
metaphysischen Auffassung eines einheitlichen Menschen und einer
allgemeinen Wesenhaftigkeit des Menschen an. In der Deutschen
Ideologie geht er so weit zu erklären, daß »ein
nicht objektives Wesen ein Nicht-Wesen« ist, und er definiert
die »Revolution« als die Regenerierung der menschlichen
Essenz, als die Wieder-Herstellung des Wesens eines »Menschen
an sich«, der sein wahres Ich jenseits der entfremdenden
Zwänge
des wirklichen Lebens findet. Man kann sogar mit Jean-Marie Benoist
übereinstimmen, daß diese »teleologische Erwartung
des Eigenen«, diese Rückkehr vom Anderen zu sich selbst,
diese Versöhnung von genos und ousia bei Marx die Eigenart
seines Denkens am besten charakterisiert.
Im Kapital haben die
von Marx gebrauchten Schlüsselbegriffe
(»Kapitalismus«,
»Proletariat«, »Arbeiter«,
»Bürger«)
einen Wert des fast Unabänderlichen, des Transhistorischen und
spielen eine Rolle, die in ihrer unitären Zeitauffassung in
Verbindung mit dem logisch-metaphysischen Prinzip der Identität
den »Universalien« in der Scholastik vergleichbar ist.
Das Verhältnis vom Proletariat und der sozialen Klasse stellt
eine metaphysische Beziehung her, die jener von Substanz/Attribut und
Modus bei Spinoza analog ist. Allein schon der Begriff der Klasse
bestätigt das Wiederauftauchen des Identitätsprinzips
gemeinsarp_ mit dem der Substanz. Die Idee der Revolution ist ein
Chiasmus, durch den die Beziehung vom Proletariat zur Klasse
umgekehrt wird, wobei das hintergründige
Substanz-Subjekt-Substrat-Verhältnis zu einer Art von
Zwischenstufe zwischen der Kategorie des Wesentlichen und des
Zufälligen wird. »Der Begriff des Mehrwertes«,
schreibt J.-M. Benoist, »enthüllt sich am Ende als etwas
Abwesendes, als ein nie Gegenwärtiges. (...) Was die Theorie des
Mehrwertes offenbart, sind die Universalien, das Generische, d. h.
Begriffseinheiten, die im Innersten ihr Fortbestehen der
aristotelischen Metaphysik
verdanken. Die meisten Analysen des
Kapitals sind deshalb zweifach vorbelastet: einerseits durch eine
unbewußte Anleihe bei den metaphysischen Universalien,
andererseits durch eine alles verleugnende Flucht, die, getrieben von
dem Wunsche, den ererbten philosophischen Ballast abzuwerfen, bei den
empirischen Gegebenheiten wie der Industrie, dem Handel, der
Produktion ihr Heil suchte. Und wir stehen am Ende vor nichts anderem
als vor einer uneingestandenen Metaphysik, die von der Idee der
rechne infiziert ist«4.
Jede nominalistische Theorie
postuliert, daß die Ideen nur in dem Maße wirklich sind,
wie sie inkarniert sind, das heißt gelebt werden. Dies ist
nicht nur eine ethische Frage, nämlich seine Ideen mit seinen
Handlungen in Einklang zu bringen, sondern eine Feststellung viel
allgemeinerer Tragweite, die besagt: es gibt keine Wahrheit außer
der, die leiblich existiert, was für uns bedeutet, daß es
nichts Wirkliches außerhalb der Wirklichkeit gibt. Unser
»Antiintellektualismus« ergibt sich aus der
Überzeugung,
daß das Leben immer besser ist als die Idee, die man sich von
ihm macht; daß die Seele dem Geist überlegen ist, der
Charakter der Intelligenz, die Empfindsamkeit dem Intellekt, das Bild
dem Begriff, der Mythos der Doktrin..
Genauso ist es unmöglich,
im Abstrakten zu beweisen, daß eine Verhaltensweise einer
anderen vorzuziehen ist. Jedes beliebige Verhalten kann einem anderen
vorzuziehen sein, je nach dem Wertsystem und den Auswahlkriterien,
auf die man sich bewußt oder unbewußt bezieht. Wenn der
Tod als schlimmer als alles andere angesehen wird, desertiert man
besser, als in die Schlacht zu ziehen; wenn im Gegenteil die Schmach
als schlimmer als der Tod empfunden wird, ist es umgekehrt. Die
Wahrheit der Postulate, auf die ein System sich aufbaut,
läßt
sich nie beweisen. Man kann lediglich von diesen Postulaten ausgehend
etwas anderes beweisen, und auch nur denjenigen, die diese Postulate
anerkennen. Selbst die Wissenschaft macht hier keine Ausnahme: der
Irrtum eines Jacques Monod, wenn er von einer »Ethik des
Wissens« spricht, besteht darin, nicht zu sehen, daß es
nicht für alle Leute selbstverständlich ist, daß eine
wissenschaftliche Aussage jeder anderen vorzuziehen sei. Eben hier
muß mit dem Positivismus gebrochen werden (dessen kritische
Qualität wir sonst sehr wohl anerkennen): die wissenschaftliche
Perspektive ist nur eine Perspektive unter vielen; der Verstand hat
eine rein instrumentelle Aufgabe: er ist kein Wert in sich, sondern
ein Werkzeug.
Bevor wir untersuchen, auf welches Wertsystem wir
uns beziehen wollen und auf welche Weise wir unsere Wahl
durchführen,
erscheint es nötig, uns kurz zwei Grundlagen unserer
Weltanschauung ins Gedächtnis zu rufen: die
Geschichtsphilosophie und Auffassung und Verständnis des
Universums.
Die Geschichte als Un-sinn
Im
Verlauf der europäischen Geschichte sind zwei große
Geschichtsauffassungen ständig nebeneinander hergelaufen oder
haben sich einander entgegengestellt: die »lineare«
Geschichte und die »zyklische« Geschichte. Die lineare
Geschichtsauffassung taucht im europäischen Raum-Zeit-System mit
der jüdisch-christlichen Religion auf. Sie stellt das
geschichtliche Geschehen als eine Linie dar, die auf einen
vor-geschichtlichen Zustand (das ursprüngliche Paradies, den
Garten Eden) einen nach-geschichtlichen Zustand (die Errichtung des
Reiches Gottes auf Erden) folgen läßt. Die Struktur dieses
Schemas ist hinlänglich beschrieben worden. Einst lebte der
Mensch in, vollkommener Harmonie mit dem Schöpfer. Eines Tages
jedoch fehlte er (beging er die Erbsünde); darauf wurde er aus
dem Paradies vertrieben und trat in die Geschichte ein - in jenes
»Jammertal«, wo er »das Brot im Schweiße
seines Angesichts verdienen« muß. Jedoch kann er dank der
Frohen Botschaft, die die Ankunft des Heilands (Jesu im christlichen
System) auf Erden bringt, hinfort die »rechte Wahl«
treffen und sein individuelles Heil für die Ewigkeit sichern. Am
Ende der Zeiten, nach dem Jüngsten Gericht (Armageddon) werden
die Guten und die Bösen endgültig voneinander geschieden.
Der nach-geschichtliche Zustand wird den vorgeschichtlichen
wiederherstellen, und dies wird das Ende der Geschichte sein: die
Geschichte wird sich schließen wie eine Klammer und in sich
selbst aufgehen.
Was die Struktur anbetrifft, findet man in
diesem Schema, wenn man es auf die Erde herabholt und das Jenseits
durch das Diesseits ersetzt, genau jenes der marxistischen Theorie
wieder: früher lebte der Mensch im Urkommunismus glücklich.
Doch eines Tages beging er eine Sünde. Es war die
Arbeitsteilung, die den Privatbesitz nach sich zog, die Aneignung der
Produktionsmittel, die Herrschaft des Menschen über den
Menschen, die Geburt der Klassen. Der Mensch trat in die
Geschichte
ein - in eine Geschichte, die durch den Konflikt, durch
Machtverhältnisse usw, gekennzeichnet wird und deren
wesentlicher Antrieb der Klassenkampf ist. Indes wird sich die
ausgebeutetste Klasse zu einem bestimmten Zeitpunkt des
geschichtlichen Prozesses ihrer Lage bewußt und erhebt sich
dann zum kollektiven Messias der Menschheit, Der Mensch kann von nun
an die rechte Wahl treffen und an einer schnelleren Vollendung des
begonnenen Kampfes arbeiten. Am Ende der Zeiten, nach dem
»letzten
Gefecht« werden die Guten definitiv von den Bösen getrennt
sein. Die klassenlose Gesellschaft wird - mit dem Wohlstand als
Beigabe - die glücklichen Bedingungen des ursprünglichen
Kommunismus wiederherstellen. Die Institutionen werden sich
erübrigen, der Staat wird überflüssig werden. Dies
wird das Ende der Geschichte sein.
Diese Geschichtstheorie hat
durch gewisse neo-marxistische Philosophen eine bedeutsame Korrektur
erfahren, vor allem durch die Frankfurter Schule und auch in gewissem
Maße durch den späten Freuds. Aus diesem Blickwinkel
gesehen bleibt die Vorstellung des Geschichtsbeginns zwar im
wesentlichen dieselbe, aber ein immer größerer Zweifel
tritt zutage, wo es um die Möglichkeiten. ihrer Vollendung geht.
Man setzt nun als Prinzip, daß sich das Böse schicksalhaft
reproduziert, so daß man nie den autoritären
Machtverhältnissen wird entgehen können. Doch daraus
schließt man deshalb nicht etwa, daß dieses
»Böse«,
das die ganze soziale Wirklichkeit durchzieht, vielleicht doch nicht
so böse ist, wie man es hat glauben lassen. Ganz im Gegenteil
versichert man, daß es unter diesen Umständen nur eine
einzige Möglichkeit für den Menschen gebe, nicht Böses
Bösem hinzu-zufügen, und die sei, weiterhin an der Idee
vorn Ende der Geschichte festzuhalten, auch und gerade wenn man
weiß,
daß ein solches nie kommen wird. Diese messianische Erwartung
wird in sich selbst als zweckdienlich und fruchtbar betrachtet. Die
Haltung, die sich logischerweise aus dieser Sicht der Dinge ergibt,
ist eine vom Prinzip her hyperkritische; es handelt sich darum, ein
ewiges »Nein« den Gefahren entgegenzusetzen, die jedes
»Ja« in sich birgt. Man findet eine recht ähnliche
Haltung bei den »Neo-Monotheisten« des Typs Bernard-Henri
Levys.
Während die »orthodoxe« marxistische
Theorie in verweltlichter Form die christliche Geschichtstheorie
wiedererschafft, kann man von der neo-marxistischen oder
freudo-marxistischen sagen, daß sie in engeren Grenzen den
klassischen Judaismus reproduziert. In der Sicht des Judaismus wird
die Erbsünde nicht so dogmatisch wie in der christlichen Doktrin
betrachtet (die Schriften der Bibel fordern keine Sühne für
eine durch Sünden belastete Erbschaft, es gibt keinen Glauben,
der aus sich selbst imstande wäre, das Heil zu verschaffen).
Auch ist der Messias noch nicht gekommen. (Jesus ist ein
Betrüger). Die Unsicherheit reicht so weit, daß man sogar
daran zweifelt, ob er kommen wird; doch allein das Warten auf ihn ist
schon nützlich und fruchtbar. (»Dieser Messias, der nie
kommt«, wie Robert Aron schreibt, »aber dessen Erwartung,
obgleich ewig enttäuscht, wirksam und notwendig ist. «)7
Will man die lineare Geschichtsauffassung zusammenfassend
beschreiben, so läßt sich sagen, daß sie der
Geschichte einen eindimensionalen, unausweichlichen und
zweckgerichteten Charakter verleiht, denn es ist undenkbar, daß
sich die Geschichte nicht, abgesehen von allen Unfällen und
Zufälligkeiten, gemäß der »Offenbarung«
abwikkelt, die der Mensch von ihr - in der Bibel oder im Kapital
empfangen hat. Die Geschichte hat einen Sinn, in der doppelten
Wortbedeutung des französischen »sens«, d. h. sie
hat eine Bedeutung und eine Richtung. Demzufolge ist die Freiheit des
Menschen eng begrenzt: der Mensch kann nicht aus der Geschichte
machen, was er will. Er hat nur die Wahl, hinzunehmen, was sich ihm
mit den die höchste Autorität verkörpernden Mitteln
offenbart (d. h. »Gott« im jüdisch-christlichen
Schema, die »Wissenschaft« im marxistischen Schema).
Andererseits werden die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft
als voneinander grundsätzlich getrennt gesehen: die
Vergangenheit (innerhalb der Geschichte) als das nie Wiederkehrende;
die Zukunft als das noch nie Dagewesene und die Gegenwart als ein
Punkt auf einer Linie, von der man Anfang und Ende kennt - auch wenn
uns ihre Länge nicht bekannt ist. Es handelt sich hier um eine
Eindimensionalität der geschichtlichen Zeit.
Im Gegensatz
zur linearen Geschichtsauffassung ist die zyklische eine in Europa
beheimatete Auffassung. Sie erscheint als gemeinsames Gedankengut des
gesamten europäischen vorchristlichen Altertums. Aus der
Beobachtung der Welt, wie sie ist, wurde sie induktiv geschaffen,
bedingt durch das Schauspiel gewisser, regelmäßig sich
abwechselnder Geschehnisse (der Jahreszeiten) und Verkettungen (der
Generationen), Wiederholungen in der Ungleichheit und Ungleichheit in
der Wiederholung (man steigt nie zweimal in dasselbe Wasser; die
Sonne geht jeden Morgen auf und ist doch nie genau dieselbe Sonne).
Die zyklische Geschichtsauffassung beruht auf der Intuition einer
möglichen Harmonie, die sich ihrerseits auf die
Regelmäßigkeit
der Zyklen und die Versöhnung der Gegensätze stützt.
Diese Idee ist vielleicht mit der Wahrnehmung einer äußerst
verschiedenartigen Landschaft in Verbindung zu bringen (Renan stellt
»der Psyche des Waldes« »die Psyche der
Wüste«
entgegen, die zum Begriff des Absoluten führt: »die
Wüste
ist monotheistisch«). In dieser Auffassung hat die Geschichte
weder Anfang noch Ende. Sie ist einfach der Schauplatz einer gewissen
Anzahl von analogen Wiederholungen, die man je nach den verschiedenen
Schulen mehr oder weniger wörtlich nehmen muß. Die
Beständigkeit dieser Zyklen gibt der Geschichte ihre
ontologische Satzung, eine Seinsbegründung, die nicht mehr
außerhalb oder jenseits des menschlichen Geschehens liegt,
sondern mit ihm verschmilzt.
Wir bekennen uns zu derselben
Weltsicht, wie sie diese zyklische Geschichtsauffassung vorzeichnet,
jedoch korrigieren wir sie in der Nachfolge Nietzsches in einem
bedeutenden Punkt. Betrachtet man sie nämlich genau, so bleibt
die traditionelle zyklische Auffassung in gewisser Weise linear. Das
Bild, auf das sie Bezug nimmt, ist das einer Linie, die
kreisförmig
verläuft. Gewiß, die »Enden« dieser Linie
berühren sich (und haben auf diese Weise die Tendenz zu
verschwinden), aber im Inneren des Kreises laufen die Ereignisse
weiter in einer unumstößlichen Ordnung ab. Ebenso wie die
Jahreszeiten sich immer in derselben Reihenfolge
aneinanderschließen,
laufen auch die Zyklen immer in derselben unerbittlichen Folge ab.
Bei den modernen Verfechtern der traditionellen Zyklentheorie (Julius
Evola, Rene Guenon) entspricht unsere Epoche einer Periode am Ende
eines Zyklus (das indische Kali-Yuga, die »Zeit der
Wölfe«
in der nordischen Mythologie). 'Unsere Freiheit ihr gegenüber
findet sich in ebendem Maße begrenzt und mit allen Risiken
behaftet, die sich in der Praxis logisch aus einer solchen Analyse
ergeben: ein Erstarren der Tatkraft und eine opportunistische
Weltuntergangspolitik. An einer berühmten Stelle von Also sprach
Zarathustra ersetzt Nietzsche die zyklische Geschichtsauffassung
durch eine klar sphärische - der Kreis bleibt bestehen, aber die
»Linie« verschwindet -, was einer grundsätzlichen
Behauptung von der Sinn- (und Richtungs-)losigkeit der Geschichte,
einem Bruch mit der linearen Auffassung und der allen mechanistischen
Spekulationen über die Weltalter innewohnenden
Zwangsläufigkeit
(von Hesiod bis Guenon) gleichkommt.
Man erkennt sofort, worin
sich der Kreis und die Kugel ähneln und worin sie sich
unterscheiden: die Kugel besitzt eine zusätzliche Dimension, sie
kann zu jeder Zeit in jede Richtung rollen. Ebenso kann sich in der
Allgemeinsicht, die sich daran knüpft, die Geschichte in jedem
Augenblick in jede Richtung entwickeln, vorausgesetzt, daß ein
genügend starker Wille ihr seine Richtung aufzwingt, und
natürlich im Einklang mit dem Prozeß, dessen Schauplatz
sie ist. Die Geschichte hat keinen anderen Sinn und keine andere
Richtung, als diejenigen sie ihr geben, die sie schaffen. Sie
determiniert den Menschen nur in soweit, als er selbst sie vorher
determiniert hat.
Die Folgen für die menschliche Freiheit
liegen auf der Hand. Wir werden später darauf zurückkommen.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht länger
verschiedene Punkte auf einer bloßen Linie, sondern
verschiedene Betrachtungsweisen, die in jeder Gegenwart
zusammenfallen. Die Vergangenheit, dies sei betont, wird jedesmal nur
insoweit als solche zur Kenntnis genommen, als sie sich in die
Gegen-wart einfügt. Die Ereignisse, auf die sie sich bezieht,
sind nur in der Gegenwart »vergangen«: als sie
stattfanden, waren sie gegenwärtig. Dasselbe gilt von der
Zukunft. So ist jede Gegenwart nicht etwa ein Punkt, sondern eine
Kreuzung: jeder Augenblick der Gegenwart aktualisiert die Gesamtheit
der Vergangenheit und enthält potentiell die Gesamtheit der
Zukunft. Die historische Zeit ist dreidimensional. Die Frage, ob man
die »Vergangenheit wiedererstehen lassen« kann oder
nicht, wird gegenstandslos: die Vergangenheit, die als solche erkannt
wird, lebt auch immer in jeder Gegenwart; sie ist eine der Sehweisen,
dank derer der Mensch seine Pläne und sein Schicksal schmieden
kann.
Die Welt als Chaos
Ebensowenig wie wir, generell
gesprochen, einen Sinn in der Geschichte erblicken, ebensowenig
stellen wir einen Sinn in der Organisation und Gestaltung der Welt
fest. Wir lehnen jeden Determinismus ab, sei er
»räumlich«
oder »zeitlich«. Hier scheiden wir uns von den
Anhängern
der »natürlichen« Ordnung, die glauben, daß
die »Ordnung«, deren Bild ihnen die Umwelt zu geben
scheint, nur ein Teil einer größeren Ordnung ist, deren
Existenz durch den Verstand begreifbar sei und auf einen Schöpfer
schließen lasse wie eine Maschine auf ihren Erbauer.
Je
mehr sich unsere Kenntnisse von den Völkern der Erde vermehren,
desto mehr stellen wir eine durchgängige Relativität fest,
sei es auf dem Gebiet der Bräuche, der Moral, der
Rechtsgrundlagen, der Schönheitsmaßstäbe, der
Einstellung zum Heiligen, der Auffassung des Göttlichen u. a. .
Es gibt keinen Menschen an sich, es gibt nur Kulturen, die alle ihre
eigenen Merkmale und ihre eigenen Gesetze haben. Hier artikuliert
sich eine positive Auffassung der Toleranz, die nicht eine
übertriebene Nachsicht ohne Substanz ist, sondern einfach das
Anerkennen und der Wunsch nach einer Fortdauer der
Unterschiedlichkeiten der Welt. Diese Vielfalt ist etwas Gutes, denn
jeder wahre Reichtum beruht auf ihr. Die Vielfalt der Welt liegt in
der Tatsache, daß jedes Volk, jede Kultur eigene Normen hat -
wobei jede Kultur eine sich selbst genügende Struktur darstellt,
d. h. ein Gefüge, dessen innere Ordnung man nicht in einem
beliebigen Punkte verändern kann, ohne daß sich diese
Veränderung auf alle Teile auswirkt. Hier setzt auch eine
Grundkritik des Totalitarismus an, als dessen wichtigste historische
Quelle wir den Monotheismus identifizieren. Die Idee eines einzigen
Gottes beinhaltet die einer einzigen absoluten Wahrheit. Die Menschen
müssen sich dieser Wahrheit unterordnen, weil sie die Wahrheit
an sich ist; diejenigen, die sich ihr nicht unterordnen, befinden
sich im Irrtum, und diejenigen, die in der Wahrheit sind, haben das
Recht, die anderen dem Irrtum zu entreißen - wenn nötig,
mit allen Mitteln und dazu noch mit einem guten Gewissen. Durch den
ihm innewohnenden totalitären Charakter erzeugt der Monotheismus
die Tendenz zum Reduktionismus (in dem jede Erkenntnis
schließlich
auf die Einheit zurückgeführt wird), zum Egalitarismus (die
Menschen sind vor Gott gleich: die Menschen erfreuen sich eines
uneingeschränkten »Verstandes«, der ihnen erlaubt,
die einzige »Wahrheit« zu erkennen und ihr Heil zu
erreichen), und zu seiner Ergänzung, dem. Universalismus -
gleichgültig, ob die Anhänger der monotheistischen
Glaubenslehren ihre Prinzipien in die Praxis umsetzen oder nicht. In
diesem Sinne und von dem Umkehrschluß ausgehend stellt der
Nominalismus, das Ablehnen der »Universalien«,
gleichzeitig die Basis einer positiven Toleranz des
Anti-Universalismus und des Anti-Egalitarismus dar, denn es besteht
zwischen der grundsätzlichen Verschiedenheit der Wesen und der
Anerkennung der Ungleichheit eine logische Verbindung - jeder
Unterschied ist in gewissem Sinne aufwertend - die sich im Bereich
der konkreten Dinge ergibt.
Die Ordnung, die wir um uns herum
beobachten, ist in der Tat keine andere als die, die wir selbst dort
schaffen, meist, ohne daß wir uns dessen bewußt werden.
Wir sind in einer »optischen Täuschung« befangen.,
die den ordnenden und klassifizierenden Strukturen unseres Geistes zu
verdanken ist: wir neigen dazu, die logischen Verbindungen, die wir
zur Bequemlichkeit der Gedankenentwicklung zwischen Tatsachen, Serien
von Fakten und Zufällen herstellen, als »seit ewig
vorgegeben« auszulegen. In Wirklichkeit existiert eine
außerhalb des Menschen liegende »Logik« ebensowenig
wie etwa »natürlich vorgegebene Grenzen«. Man denke
nur an das metaphysische Sechseck Frankreichs, das manchem
französischen Publizisten so teuer ist. Der Mensch ist ein
sinngebendes Lebewesen. Hat er erst einmal einen Sinn in die Dinge
hineingelegt, neigt er dazu zu glauben, dieser Sinn sei immer schon
dagewesen. Ebenso haben wir die Tendenz, vollkommen neutrale
Sachzusammenhänge als teleologisch und zweckgerichtet zu deuten.
Wir legen eine Notwendigkeit dorthinein, wo wir ebensogut einen
Zufall sehen könnten, ohne zu bemerken, daß letztlich
Zufall und Notwendigkeit ein und dasselbe sind (siehe: Clement
Rosset, der Malcolm Lowry zitiert: alles, was geschieht, geschieht
immer »sowieso irgendwie« - somehow anyhow -; aus der
Tatsache, daß die Dinge unvermeidbar so sind, wie sie sind, und
nicht anders, kann man nicht die Idee ableiten, daß ihre
Existenz einem willentlichen Vorsatz entspricht)8. »Im Zentrum
des Kosmos ist die Macht nicht souverän, sondern anonym«,
sagt Ernst Jünger. Allgemein gesprochen ist die Welt ein Chaos.
Schließlich ist nicht zu vergessen, daß die
»Natur«gesetze, die wir in unserer Umwelt feststellen,
immer nur bedingt gelten. Jede wissenschaftliche Aussage ist »par
definition« verbesserungsfähig. Die Naturgesetze sind eine
Wahrscheinlichkeitsgewähr für die Wiederholung von
Zufällen, die von einer Ausnahme prinzipiell immer widerlegt
werden können. Anders gesagt, sie gelten nur unter bestimmten
Bedingungen. Seit zwei Jahrhunderten haben wir immer wieder entdeckt,
daß die Gesetze, die wir »allgemeingültig«
dachten, in Wirklichkeit nur einen auf ganz besondere Bedingungen
beschränkten Anwendungswert haben. Diese Einsicht betraf zuerst
Gebiete wie die Physik, die Chemie usw. Sie hat schließlich
auch die eigentlichen Denksphären berührt; die
mathematischen Aussagen, die Sätze der allgemeinen Logik sind
entweder nicht immer wahr, oder sie sind einfache Tautologien. Wir
wissen, daß das, was für die Makrophysik gilt, für
die Mikrophysik nicht zutrifft (Relativitätstheorie). Wir wissen
auch, daß die Meßinstrumente die Subjektivität
unserer Wahrnehmung nur verfeinern, ohne sie deshalb zu
objektivieren. Wir wissen schließlich, daß die bloße
Tatsache unserer Existenz im Universum die Wahrnehmung, die wir von
ihm haben, beeinflußt: die Anwesenheit des Beobachters
verändert die Anordnung des Beobachtungsfeldes (Prinzip von
Korbzybsky: die Landkarte ist niemals vollständig, denn sie
ignoriert den, der sie zu Rate zieht). Von der relativen Existenz der
Gesetze hic et nunc kann man nicht auf die universelle Existenz
absoluter Gesetze schließen.
Es hat nicht
alles den gleichen Wert
Unsere prinzipielle
Einstellung ist also klar naminalistisch und existentialistisch. Von
daher stellt sich nun ein Grundproblem: auf welchen Kriterien kann
man ein Wertsystem aufbauen, wenn man die »Universalien«
und den absoluten Wert (die alleinige Wahrheit) verworfen hat? Und
sogar die Frage: Ist ein solches System überhaupt notwendig? Das
ist die klassische Entgegnung derer, für die die nominalistische
Einstellung unweigerlich zu einem auf alles sich ausdehnen-den
Relativismus führt, der die Tatkraft hemmt und von der Negation
lebt, zu einem Hypersubjektivismus, der sich in Redensarten
ausdrükken läßt wie: » jeder hat seine eigene
Wahrheit« »es bleibt sich alles gleich«, »alles
ist erlaubt«, usw. In unseren Augen ist dem aber ganz und gar
nicht so. Und in dem Maße, wie wir gemeinsame Grundlagen für
eine bestimmte Lebenshaltung zu legen versuchen, halten wir es sogar
für unbedingt notwendig, eine gewisse Anzahl von Kriterien
herauszufinden, die uns erlauben, den konkreten Wert einer Idee zu
beurteilen oder zwischen zwei entgegengesetzten Möglichkeiten zu
entscheiden. Dieses Ablehnen des Hypersubjektivismus ist unmittelbar
verbunden mit einer Ablehnung des Individualismus, deren Angelpunkt
in zwei Beobachtungen liegt.
Die erste Beobachtung ist folgende:
Der Mensch ist nicht von seiner Kultur zu trennen, nicht von seiner
(räumlichen) Umwelt und nicht von seinem (zeitlichen) Erbe, die
durch diese Kultur geprägt sind. Der Mensch wird vor allem als
Erbe geboren, sagte Maurras (nach vielen anderen). Er lebt nicht auf
dem Sirius, auch nicht auf einer einsamen Insel oder im Reich der
Seligen, sondern hier und heute, in einer ganz bestimmten
Gesellschaft. Es steht ihm also nicht frei, von anderswo herzukommen,
als es tatsächlich der Fall ist. Er kommt mit einem spezifischen
Erbe zur Welt, das er annehmen oder zurückweisen kann, das er
aber als solches nicht ändern kann ... Dies bedeutet vor allem
eine gewisse Anzahl von Werten und folglich von Werturteilen: von
dieser alleinigen Tatsache aus können wir diese oder jene
Behauptung nicht auf dieselbe Art beurteilen, wenn wir in der einen
oder anderen Kultur geboren sind. Aus dieser Beobachtung ergibt sich
die Notwendigkeit, die Werte unserer eigenen Kultur zu finden, was es
in einer Epoche der Verwirrung, wie es die unsere ist, nötig
macht, dies Erbe klarzulegen. Um zu erfahren, was uns auf diesem
Jahrmarkt der Werte, die heute durcheinandergehen und sich
gegenüberstehen, zu eigen gehört, müssen wir genetisch
vorgehen, das heißt, erneut eine Genealogie der Werte
aufzeichnen (und uns wie Nietzsche die Fragen stellen: Wer hat
welchen Wert aufgestellt? Unter welchen äußeren und
inneren Umständen? Wer ist der Nutznießer? Welches sind
die konkreten Ergebnisse seiner Anwendung?) Dies ist der Grund des
Interesses, das wir unserer entferntesten Vergangenheit
entgegenbringen: je weiter wir zurückgehen, desto mehr Chancen
haben wir, in unserem historischen Erbe das herauszufinden, was ihm
aufgepfropft worden ist, und das, was uns zu eigen gehört.
Außerdem gibt es in einer sphärischen Geschichtssicht eine
natürliche Wechselbeziehung zwischen »der
Vergangenheit«
und der »Zukunft«. Diese Verfahrensweise setzt
natürlich
eine positive Besinnung auf das voraus, wozu wir gehören und
worin unsere gemeinschaftliche Identität besteht.
Wir
bekennen uns zu einem bestimmten Erbe, um es fortzuführen. oder
um es neu zu gründen: Wir akzeptieren, das zu sein, was wir
sind, um mehr werden zu können, als wir waren.
Die zweite
Beobachtung lautet: Zu jeder Zeit, in jeder Gesellschaft
»funktioniert« ein Subjektives wie etwas Absolutes. Mit
anderen Worten, eine Gesellschaft existiert nur in bezug auf
bestimmte Normen. Es gibt kein historisches Beispiel von Gesellschaft
ohne Normen, - wenn nicht gerade eben die Gesellschaften, die
zerfallen. Was hier zählt, ist nicht so sehr der Inhalt der Norm
(der variabel ist), sondern die Existenz der Norm selbst (die
konstant ist). Daraus, daß sich eine Norm inhaltlich ändert,
ist also nicht zu schließen, daß sie beliebig bestehen
kann oder nicht. Doch dies wird, wenn man einen Augenblick darüber
nachdenkt, heutzutage allgemein getan, - und zahlreich sind die
Ideologen, die in einer Art Substitutionsspiel von der
Variabilität
der Normen die Idee ableiten, daß sie überflüssig
sind. Gewisse Neo-Feministen z. B. betonen die Tatsache, daß
die Rolle des Mannes und der Frau in der Gesellschaft, wie sie sich
in der europäischen Geschichte darstellt, nicht unbedingt in
allen Kulturen des Erdkreises wiederzufinden ist - was auch
vollkommen zutrifft. Dieselben Autoren unterlassen es jedoch zu
erwähnen, daß man, wenn man nicht ebendiese Normen
wiederfindet, dafür aber andere findet: die gesellschaftliche
Rolle von Mann und Frau variieren kann, aber es keine Gesellschaft
gibt, in der es eine Rollenunterscheidung nicht gäbe.
Ein »heroischer
Subjektivismus«
Jahrhunderte hindurch entsprang die
wunderbare Wirksamkeit der Normen der Tatsache, daß diese als
absolut }angesehen{ und empfunden wurden. Sie waren in dem Maße
wirksam und brachten Taten hervor, als niemand ihre
Daseinsberechtigung (anders als im Vorbeigehen .-und selbst dies
wurde vom Zeitgeist sofort verdrängt -) in Zweifel zog oder auch
nur daran dachte, es zu tun. Man verhielt sich in einer bestimmten
Weise und nicht anders, weil man es »immer getan hatte«,
weil man es »so und nicht anders tat«. Ein derartiges
Fehlen von Zweifeln im Hinblick auf die Normen ist für eine
Kultur in vollem Aufstieg charakteristisch: die Tatkraft bringt den
Zweifel zum Schweigen. In einer geschwächten Kultur hingegen, in
einer Gesellschaft, die sich ihrem Untergang zuneigt, überschwemmt
eine riesige Welle von Zweifein das allgemeine Bewußtsein.
Tatsache ist, daß seit zwei Jahr-hunderten - sehen wir von den
vorhergehenden ab - sich die Normen langsam als das enthüllen,
was sie sind, das heißt als Konventionen: als Ergebnisse einer
Wahl, aber einer vergessenen Wahl. Die Tradition, die historische
Tat, das Zusammenspiel der Ereignisse, der Vorgang der Übernahme
von Inhalten von einer Generation zur anderen haben zu einem
bestimmten Zeitpunkt die Gebräuche und die sozialen
»Gesetze«
mit genügender Kraft kristallisiert, um sie als
»natürlich«
erscheinen zu lassen, so, als ob es sie schon immer gegeben hätte.
Das Künstliche (die Kultur) trat als etwas Natürliches auf.
Später haben der Zusammenruch der Gründermythen und das
Auftauchen von Ideologien, die sich ihrer selbst bewußt
geworden waren, allmählich eine Grundlagenkritik bewirkt, die
schnell nach allen Seiten um sich gegriffen hat. Diese ausgesprochen
zerfressende und zersetzende Kritik hat zu einer voll-ständigen
Zerstörung der Normen geführt und damit zum Verschwinden
des Sinngehalts im Leben der Gesellschaftsmitglieder und in den
Kommunikationsmöglichkeiten, die er voraussetzt. Die
Gesellschaft hat nach und nach ihre Normen verloren und löst
sich auf: der Zweifel ist überall eingedrungen; nichts versteht
sich mehr von selbst; niemand sieht mehr den »Grund«, der
ihn dies oder jenes tun ließe; die Autorität wird nicht
mehr als Prinzip empfunden, das über jene, die sie
verkörpern,
hinausgeht, sondern als bloße Institution der Überwachung;
die Information, die in keinen Rahmen mehr eingebettet ist,
verstärkt
die Zweifel, anstatt zu versuchen, ihrer Herr zu werden; das Wissen
selbst, statt als Instrument zu einer wirklichen Tätigkeit zu
dienen, wirkt ausgesprochen hemmend und lähmend.
Gewiß
kann man eine solche Situation beklagen, aber man kann sie deshalb
nicht aufheben. Eine Norm, die enthüllt worden ist, kann nie
wieder als Absolutum »funktionieren«, es sei denn, sie
erhebt sich zu einer anderen, höheren Ausdrucksebene. (»Gott
ist tot« bedeutet: Gott »stirbt« in dem Augenblick,
wo man nach dem »Sinn seines Daseins« fragt und also
über
seinen »möglichen Tod« nachdenkt; ein Gott, den man
in Frage stellt, existiert schon nicht mehr - aber immer besteht die
Möglichkeit zu neuen Göttern weiter.)
Von hier an gibt
es zwei mögliche Haltungen. Die erste, die heute vorherrscht,
besteht darin, die Normen, die keinen Absolutwert haben, abzulehnen,
mit anderen Worten also jede Norm (oder aber in das System der
offenbarten Religion zurückzuverfallen - so erklärt sich
die Stellung Horkheimers bzw. B. H. Levys), und eine Haltung der
Kritik und der systematischen Ablehnung einzunehmen. Diese Haltung
kann natürlich den Prozeß des inneren Verfalls, den
Vorgang des inneren sozialen Zusammenbruchs nur beschleunigen. Und
eben hier verfällt man in den Hypersubjektivismus: alles hat
denselben Wert, womit nichts mehr einen Wert hat. Die zweite Haltung,
der wir uns anschließen, geht von denselben Prämissen aus,
gelangt aber zu dem genau entgegengesetzten Resultat. Indem sie zur
Kenntnis nimmt, daß eine »konventionelle« Norm am
Ende nichts anderes ist als eine Norm, die vom Menschen geschaffen
wurde, besteht diese Haltung in dem Versuch, Bedingungen zu schaffen,
unter denen neue Normen entstehen können. Es handelt sich
genauer gesagt nicht darum, Normen zu schaffen, obwohl diese nie
etwas anderes als »Konventionen« sein können,
sondern sie im Gegenteil mit umso größerer Kraft zu
bilden, da sie notwendigerweise aus menschlichem Streben erwachsen,
da sie nicht von irgendeiner Gottheit empfangen wurden, sich nicht
von irgendeiner natürlichen Ordnung herleiten und nicht aus
irgendeiner geschichtlichen Notwendigkeit folgern. Dieselbe
Feststellung, die manche dazu führt, jede Norm aufzugeben, -
nicht ohne indes eine seltsame enttäuschte Sehnsucht nach dem
Absoluten an den Tag zu legen -, kann ebenso dazu führen, neue
Normen begründen zu wollen. In der Tat sind die Normen
Konventionen, und keine Gesellschaft kann sie entbehren. Also gibt es
von unserem Standpunkt aus keine andere Verhaltensmöglichkeit,
als sich einer gewissen kollektiven Subjektivität klar zu werden
und sie mit genügend großer Kraft durchzusetzen, so
daß
sie erneut als eine »natürliche« Norm empfunden
wird, die in der sozialen Struktur wie ein »Absolutum«
funktioniert. Ein solches Unter-nehmen erfordert es wahrscheinlich,
zu einem höheren Bewußtseinsniveau zu gelangen, als wir es
bisher gekannt haben. Doch stellt es die einzig mögliche Antwort
auf die Herausforderung dar, die unsere Epoche an sich selbst
gerichtet hat, eine Herausforderung, die ihres-gleichen nur in jener
findet, die ein bestimmter Menschheitstyp in der Epoche der
jungsteinzeitlichen Revolution gekannt hat und auf die in unserem
Kulturkreis die indogermanische Dreiteilung der Gesellschaft
geantwortet hat, als Quelle der Schöpfung einer neuen
»ideologischen«, religiösen, philosophischen und
sozialen Norm. Der heutige »Heroismus« könnte in
einer solchen »übermenschlichen« Handlungsweise
bestehen, in der Schöpfung neuer Normen, die der Herausforderung
gewachsen sind, welche wir an uns gestellt haben. Man kann diesen Weg
einen »historischen Subjektivismus« nennen. Und wir
behaupten, daß ein Volk, bei dem sich ein solcher
Schöpfungsakt
ereignete, die aktuelle Krise lösen würde. Es würde
sich dadurch selbst überwinden und wieder zu einem
selbständigen
Ich finden. Aus eigener Kraft würde es sieh selbst neu
erschaffen.
Der Mensch als Schöpfer seiner
selbst
Wir schließen uns hier einer bekannten
Auffassung des Menschen an, deren Grundzüge wir uns kurz wieder
ins Gedächtnis rufen wollen. Der Mensch ist ein Lebewesen, und
als solches ist er einer bestimmten Anzahl von Zwängen
unterworfen, die sich aus seiner biologischen Beschaffenheit ergeben.
Aber er ist kein Lebewesen wie die anderen. Er unterscheidet sich von
den anderen Lebewesen durch eine größere und fortdauernde
Formbarkeit (Zustand der Neotonie oder der
»beständigen«
Jugendlichkeit (, --- wobei die Jugendlichkeit der
»Lernperiode«
entspricht). Beim Menschen wirkt der biologische Determinismus rein
negativ. Er drückt sich nur in Form von Möglichkeiten aus.
In den Grenzen und innerhalb der Voraussetzungen unserer
»Natur«
bleibt unsere Freiheit vollständig bestehen. Hierin liegt der
ganze Unterschied zwischen dem Instinkt und dem, was beim Menschen
Trieb ist: Der Trieb schließt keine Programmierung in Hinblick
auf sein Objekt ein. Der Mensch ist nicht frei, Schauplatz einer
gewissen Anzahl von Trieben zu sein oder nicht, aber er hat die
Freiheit, das Objekt zu wählen, für das er seine Triebe
einsetzt. Wenn wir einen Berg von »Ziegeln« erben, so
können wir mit diesen Ziegeln bauen, was wir wollen, das
einzige, was wir mit ihnen nicht tun können, ist, sie in
Schiefer oder in Marmor zu verwandeln. Dasselbe gilt von seinem
Erbgut. Der Mensch kann sich also immer wieder in Frage stellen. Er
ist nicht, er wird. Er bleibt immer unvollendet. Er ist nicht ein
für
allemal geschaffen, sondern er schafft sich selbst ständig neu.
Hier liegt das Geheimnis seiner 'Überlegenheit, - aber auch
jenes seiner größeren Verletzlichkeit: er kann jederzeit
das Humane verlieren, ebenso wie er das rein Menschliche
überwinden
kann. Und ebenso verhält es sich auch mit den
Kollektiverwerbungen: in jeder Generation wird das Erbe wieder in
Frage gestellt. Auch dies Erbe kann jederzeit entweder verlorengehen
oder über sich hinauswachsen.
Der Mensch baut sich selbst.
Er formt sich durch den Zwang, den er sich auferlegt; indem er an
sich arbeitet wie an einem Gegenstand, indem er in seinem Inneren
dank einer Ziel- und Prinzipiensetzung »Netze von
Gewohnheiten«
(Arnold Gehlen) aufbaut; sie hängen von der Vorstellung ab, die
er sich von sich selbst macht. Der üben ensch ist kein
»Supermann« mit großem Bizeps und hohem IQ, noch
ist er ein neues Entwicklungsstadium der Menschheit, sondern der
Mensch, der sich in die heroische Lage begibt, sich selbst zu
überwinden, indem er einen neuen Typus nach seinen eigenen
Normen schafft. Der Mensch ist der »Herr der Formen«
(Jünger). Er gibt der Welt und sich selbst eine Form, die zuvor
außerhalb von ihm und ohne ihn nicht existierte. Und er erkennt
diese Form als sinnvoll. Hier begegnen wir der zu Beginn des Textes
ausgeführten Idee wieder: einzig »wahr« sind die
Ideen und die Formen, die gelebt werden, - und je konkreter sie
verkörpert werden, desto »wahrer« sind sie. (Aber
dies bedeutet keine Verherrlichung der Kraft, denn einer Kraft kann
sich immer eine andere entgegenstellen, die ihre Begründung in
einem anderen Wertesystem findet und sich im Dienste eines anderen
Zieles äußert. Es handelt sich auch nicht um einen
Vorwand, um von vornherein Ordnung genausogut wie Unordnung zu
akzeptieren, denn die verschiedenen »Wahrheiten« sind
eben nicht gleichwertig.)
Gut ist das, was uns befähigt, uns
nach den Normen zu erbauen, die wir uns gesetzt haben; schlecht, was
uns im Hinblick auf diese Normen zerstört. Diese Regel gilt
gleichermaßen für Individuen wie für Gesellschaften.
In Anbetracht dieser Normen, die wir uns gesetzt haben und die an die
unserer Kultur eigenen Wertvorstellungen gebunden sind, kann man eine
Kritik des Hedonismus entwickeln (der alles tolerieren-den
Gesellschaft), gleichzeitig und aus denselben Gründen wie an der
negativen und selbstzerstörerischen Askese (der Leidensmystik).
Bei der durchgeführten Handlung erwächst die Freude aus der
Tatsache, daß man ein Ziel erreicht, und gleichzeitig daraus,
daß sich am Horizont des Willens ein neues abzeichnet, -- und
nicht aus dem, was die Erreichung des Zieles einbringt. Jedermann
kennt das Sprichwort: »DieJagd ist mehr wert als die
Beute«.
Das bedeutet nicht, daß man die Beute verachten solle, sondern
vielmehr, daß man zuerst und vor allem jagen. soll, - und
daß
die Beute sich vielleicht zusätzlich einstellt. Genuß und
Verdruß sind nur Folgeerscheinungen, sie sind nicht Motive der
Handlung, sondern gesellen sich ihr bei: sie sind ihre Auswirkung,
nicht aber ihr Grund. Hier liegt der ganze Unterschied zwischen
Willen und Wunsch : vom Wunsch getrieben, sind wir seine Sklaven, ist
hingegen der Wille (der sich allein aus sich selbst erklärt)
erste Triebfeder unserer Handlungen, so sind wir ihr Herr. Die
Dialektik vom »Herrn und vom Sklaven« beginnt also in uns
selbst. Wir sind gleichzeitig unser eigener Herr und unser Sklave.
Die Dekadenz beginnt dort, wo man denkt, daß die Folge einer
Handlung berechtigterweise ihr Grund werden kann. Sobald man beim
Handeln aus dem Genuß den höchsten Wert macht,
rechtfertigt man im voraus alles, was seine Befriedigung
ermöglicht.
Man will dann nur noch angenehme Dinge in immer größerer
Zahl erlangen (Genußprinzip). Am Ende kann diese Haltung zur
Zerstörung der inneren Persönlichkeit führen. Hier
sieht man, wie sehr sich die Notwendigkeit der Anstrengung von der
Arbeit unter-scheidet, selbst wenn diese ihr geläufigstes
Anwendungsgebiet bleibt. Die liberale ebenso wie die marxistische
»Moral« wollen uns weismachen, daß der Mensch um so
freier sein würde, je weniger er zur Arbeit gezwungen wäre.
In Wirklichkeit bliebe, selbst wenn die Arbeit (im landläufigen
Sinne des Wortes) überflüssig würde, die Notwendigkeit
für den Menschen bestehen, sich selbst zu verwirklichen, sich
»in Form zu bringen« durch die eigene Anstrengung aus
einer bewußten Willens-kraft heraus.
Die Ethik der Ehre
Sich selbst gestalten, sich eine Form
geben, das kann auch heißen: vom Stadium des Individuums zu dem
der Persönlichkeit fortzuschreiten. Jeder ist ein Individuum,
aber nicht jeder ist eine Persönlichkeit; die römische
Unterscheidung zwischen animus und anima ist bekannt: die
Persönlichkeit ist das Individuum, das sich eine Seele gegeben
hat. Es wäre ja ungerecht, wenn alle Menschen eine Seele
hätten;
gerecht ist, daß es einigen zum Abschluß ihrer
Selbstschöpfung gelingt, sich eine Seele zu geben. Der allein
kann sich eine Seele geben, der Herr seiner selbst ist. Die Ehre ist
dann nichts anderes als die Treue zu einer Norm, die man sich selbst
gesetzt hat, zum Bild, das man von sich hat. Montherlant sagt,
daß
man sogar die Versprechen halten muß, die man einem Hund
gemacht hat, denn das, was verpflichtet, ist weder der Inhalt des
Versprechens noch derjenige, dem man es gibt, sondern die Tatsache,
daß man etwas versprochen hat. In derselben Weise rechtfertigt
sich die Treue zu einer Überzeugung, zu einer Idee, durch die
alleinige Tatsache, daß man sich zu ihnen bekannt hat, - am
Anfang hat ja nichts diese Gefolgschaft erzwungen. Eine solche
Haltung recht-fertigt sich aus sich selbst: die Treue zu einer Norm
rechtfertigt sich dadurch, daß es eine Norm ist --- und in
diesem Fall eine gewählte, akzeptierte und gewollte Norm. Es
gibt in Frankreich zwei Sprichwörter des Alten Regime: »Adel
fordert Adel,« und »Adel schweigt«. Die
Rechtfertigung einer Haltung kann nicht außerhalb der Norm
liegen. die sie begründet; sie kann in keinem Interesse (und sei
es metaphysisch) bestehen, womit jeder Nützlichkeitsmoral
widersprochen wird.
Daher die Bedeutung des Stils. Es gibt eine
augenscheinliche Beziehung zwischen dem Stil und der Form. Der Welt
eine Form geben, sich selbst gestalten, heißt gleichzeitig
einen Stil schaffen. Aus diesem Grunde kann man nie das Wort vom
Geist trennen, die Gestalt vom Gehalt, das Gefäß vom
Inhalt. »Der Stil ist der Mensch«: die Art, wie man die
Dinge tut, ist genauso wichtig wie die Dinge selbst; Formfra-gen sind
nie überflüssig,
Die aristokratische Moral läßt
sich durch ein feststehendes Kriterium definieren: die Fähigkeit,
gegen seine eigenen Interessen zu handeln. Dies ist ganz genau das
Gegenteil von der liberalen Theorie, nach der der Mensch im
wesentlichen als wirtschaftlich handelnd dargestellt wird und immer
seinen größtmöglichen Vorteil verfolgt. Es handelt
sich aber auch nicht darum, in eine negative Askese zu verfallen noch
in eine naive Weltfremdheit: eine normale Gesellschaft besteht nicht
nur aus Helden. Doch sollten ihr dessen ungeachtet trotzdem die
Helden als Vorbilder dienen und nicht ... die anderen. Sombart
definiert als Helden denjenigen, der beständig danach sucht, was
er dem Leben geben, wie er die menschliche Existenz bereichern kann,
im Gegensatz zum »Bürger, der ständig sucht, was er
vorn Leben haben, wie er sich selbst und seine eigene Existenz
bereichern kann. Unter-sucht man Heldentaten und heroische
Situationen, so zeigt sich, daß die Gründe zum Leben genau
dieselben sind wie die zum Sterben,- und in diesem Sinne ist es
normal, daß man zu einer Zeit, wo man keine Gründe fürs
Sterben mehr findet, auch keinen Sinn mehr im Leben findet. Das
bedeutet auf gewöhnlicherer Ebene: man muß zugeben,
daß
jedes Recht sein Gegenstück im Bereiche der Pflichten haben
muß.
Alle Menschen haben Rechte, aber alle Menschen haben auch Pflichten.
Genauer gesagt, dort. wo es gleiche Rechte gibt, muß es auch
gleiche Pflichten geben. Was die Frage aufwirft, welche Pflichten man
eigentlich von jedem Menschen fordern kann, -- was gleichzeitig auch
das Maß für die Rechte setzt, die jeder Mensch für
sich fordern kann. Dies Prinzip gilt natürlich in beiden
Richtungen. Wenn es wahr ist, daß derjenige, der sich mehr
Pflichten auferlegt, auch mehr Rechte haben muß, so kann man
auch umgekehrt nicht demjenigen, der nur wenige Rechte hat, viele
Pflichten auferlegen. Ein Recht, das nicht mit einer Pflicht Hand in
Hand geht, wird schnell ein Privileg (im heutigen Sinne des Wortes).
Es wird dann als eine Ungerechtigkeit empfunden, was einen
wohlbekannten revolutionären Prozeß auslöst und
legitimiert.
In der nominalistischen Perspektive entsteht die
Tragik aus der klaren Wahrnehmung eines »doppelten
Widerspruches«: einmal zwischen unserer Kleinheit und unserem
kurzen Dasein gegenüber der Unendlichkeit der Welt; dann
zwischen der Tatsache, daß wir »materielh »in der
Welt enthalten« sind, und der Tatsache, daß die Welt, so
unendlich sie auch sein mag, doch gleichzeitig »geistig«
in uns selbst enthalten ist. So erkennen wir, daß, so
»winzig«
wir auch sein mögen, wir doch die einzigen sind, die »aus
einem Weniger ein Mehr« machen können, die der Welt der
Formen Gebilde hinzufügen können, die außerhalb von
uns nicht existieren. Die Alten hatten sehr gut erkannt, daß
die Intensität eine Art »Revanche« für die
Kürze der Zeit ist. Sie hatten auch bemerkt, daß die
Intensität sich umgekehrt proportional zur Dauer verändert;
(man lebt nicht ständig auf den Gipfeln). Die Tragik beruht auch
auf dem Begriff des Fatums, des »Schicksals« (das man
nicht mit der »Schickung« verwechseln darf: das Schicksal
ist das, was erst geschehen wird, die Schickung das, was schon
vorentschieden ist). Beim Begriff des Schicksals muß
natürlich
daran erinnert werden, daß-es zu keinem Fatalismus führt,
ganz im Gegenteil. Das Gefühl des Fatums führt zu zwei
klaren Haltungen: zuzugeben, daß es für jeden von uns ein
Schicksal gibt, ohne in seinem. unabänderlichen Charakter den
geringsten Beweggrund zu sehen, darauf zu verzichten, es nach den
Normen, die wir uns gesetzt haben, zu verändern; dies ist der
ewige Motor der griechischen Tragödie; wenn man alles
gemäß
der Norm, die man sich setzte, ausgeführt hat (und vergessen wir
nicht: können heißt hier müssen), dann nicht nur den
Lauf der Dinge zu akzeptieren, so wie er wirklich gekommen ist,
sondern ihn auch noch zu wollen: amor fati.